Die Angst vor dem Rückfall – Strategien entwickeln

Der Rückfall war für Barbara Baysal schlimmer, als die Erstdiagnose ihrer Krebserkrankung. Der Fund an Metastasen hat sie aus dem Leben gerissen. „Die Angst war am Anfang übermächtig“, sagt sie rückblickend. Das ging so weit, dass sie sich komplett zurückzog: „Ich habe einfach vergessen zu leben.“ Doch dann kam der Wendepunkt und sie lernte mit der Angst umzugehen.

Barbara Baysal erkrankte 2001 und 2003 an Lungenkrebs. Sie ist Vorsitzende der Selbsthilfe Lungenkrebs Berlin e.V. und des Bundesverbandes Selbsthilfe Lungenkrebs e.V.  Die Angst vor dem Wiederkehren der Erkrankung – in der Fachsprache Progredienzangst genannt – begleitete die Berlinerin lang.

So wie Barbara Baysal geht es laut Studien zwischen 39 und 97 Prozent aller Krebspatienten – mit unterschiedlich starker Ausprägung. Die Angst beeinflusst nicht nur die Betroffenen, sondern auch das soziale Umfeld.

Vom Herzrasen bis zur Schlafstörung

„Ängste können vor weiteren Behandlungen, vor Nebenwirkungen, vor Schmerzen aber auch vor dem Sterben und dem Tod entstehen“,  sagt Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf von der Universität Leipzig. Sie ist Psychologin sowie Psychologische Psychotherapeutin und hat sich auf die Psychoonkologie spezialisiert. Die Psychoonkologie befasst sich mit den psychischen und sozialen Erscheinungen einer Krebserkrankung.

Neben den kognitiven und sozialen Auswirkungen – wie der Isolation –, können sich auch körperliche Symptome zeigen, beispielsweise Herzrasen, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen. So ging es auch Barbara Baysal – vor allem kurz vor den Nachsorgeuntersuchungen: „Früher konnte ich vor den Untersuchungen zwei, drei Tage nicht schlafen und war ständig unruhig.“

Verdrängung und Fokussierung

Das Angstverhalten selbst kann unterschiedliche Formen annehmen. Einige verdrängen und vermeiden Arztbesuche, andere wiederum fokussieren sich zu sehr auf ihre Erkrankung. So war es auch bei Barbara Baysal: „Bei jedem Piksen im Körper dachte ich gleich, es sei ein Tumor“. Anja Mehnert-Theuerkauf bezeichnet das als den sogenannten Teufelskreis der Angst: „Je stärker die Aufmerksamkeit auf ihren Körper gerichtet wird, desto stärker werden auch körperliche Symptome hervorgerufen. Betroffene lassen sich dann ständig untersuchen, sind ständig angespannt“, sagt sie.

Wann Hilfe suchen?

Dabei ist die Angst an sich nicht durchweg negativ zu bewerten. Sie schafft Energien, um Herausforderungen anzugehen und Kräfte zu mobilisieren. Belasten die Ängste aber zu sehr, beeinträchtigen den Alltag oder sogar die onkologische Therapie, dann sollten Betroffene externe Hilfe in Anspruch nehmen. „Wer zu lange mit seinen Ängsten lebt, kann schlimmstenfalls Angststörungen und Depressionen bekommen“, sagt Anja Mehnert-Theuerkauf. Externe Hilfe gibt es beispielsweise von Psychoonkologen oder bei Selbsthilfegruppen. Auch Krebsberatungsstellen der jeweiligen Landeskrebsgesellschaften vermitteln qualifizierte Ansprechpartner und Hilfsangebote.

Interviewreihe der „German Cancer Survivors“ mit Barbara Baysal

Das vollständige Interview finden Sie auf der Webseite www.german-cancer-survivors.de

Ablenkung – aber nur kurzfristig

Wie ist der Angst zu begegnen? Kurzfristige Ablenkung – zum Beispiel vor Kontrollterminen – kann helfen. Durch eine kurzzeitige Verdrängung wird dem Betroffenen Zeit gegeben, sich auf die Situation einzustellen. „Auf längere Sicht sollten sich Betroffene aber mit ihren Ängsten auseinandersetzen“, rät Anja Mehnert-Theuerkauf.

Themen zu Ende denken

Mit einem Psychoonkologen können Betroffene Themen besprechen, die oftmals bei Familie und Freunden tabu sind. Beispielsweise kann über die Angst vor den letzten Lebensstunden gesprochen werden. „Wenn Betroffene hierüber konkret sprechen, dann erhalten sie ein Gefühl von Kontrolle und das hilft“, so die Psychologin.

Nach Ressourcen schauen

Seine eigenen Ressourcen zu entdecken, ist eine weitere Herangehensweise im Umgang mit der Angst. „Man sollte sich fragen, was einem das Gefühl von Sicherheit gibt und welche Dinge sich kontrollieren lassen – wenn sich schon die Krankheit nicht kontrollieren lässt“, rät die Psychologin. Das können einfache Freizeitaktivitäten sein, wie Spazierengehen, sportliche Aktivitäten oder der Kaffee mit Freunden.

Können Medikamente helfen?

Bei stark ausgeprägten Ängsten oder Depressionen können leichte Antidepressiva  weiterhelfen, weiß Anja Mehnert-Theuerkauf. Vor einer längerfristigen Einnahme sogenannter Benzodiazepine, die kurzfristig bei negativem Stress – dem sogenannten Distress – und akuten Angstbeschwerden helfen, rät sie jedoch ab, da diese Beruhigungsmittel bei längerer Einnahme abhängig machen können. In jedem Fall sollten sich Betroffene ärztlich beraten lassen. Denn es kann zu Wechsel- und Nebenwirkungen in der Krebstherapie kommen. Das gilt selbst für vermeintlich „harmlose“ pflanzliche Arzneimittel, wie Johanniskraut.

Nachsorge ohne Angst

Auch Barbara Baysal lernte, mit ihren Ängsten umzugehen. Sie setzte sich in Gesprächen mit anderen Betroffenen aus Selbsthilfegruppen mit dem Thema Sterben und Tod auseinander. „Das half mir, mich aus dieser Umklammerung zu befreien“, sagt sie. Heute führt Barbara Baysal in Selbsthilfegruppen viele Gespräche mit anderen Betroffenen und gibt Tipps zum Umgang mit der Angst. Ihr wichtigster Apell: „Egal wie groß die Ängste sind, der Krebsnachsorge sollte in jedem Fall nachgekommen werden!“

Bitte beachten Sie, dass dieser Artikel nur zur Orientierung dient und keine fachliche oder medizinische Beratung ersetzen kann.